Glaubensbekenntnis

Ich bin gläubiger Atheist.

Ich glaube zum Beispiel, dass es keine gute Idee ist, Kindern bereits im Vorschulalter beizubringen „Du bist Moslem und deshalb hat dich Gott ganz besonders lieb“. Oder „Du bist Christ, du glaubst an den einzig wahren Sohn Gottes.“
Ich glaube, das ist genauso falsch wie Kindern zu sagen „Du bist Keynesianer, du findest deficit spending gut“ oder „Du bist Marxist, du bist du für Vergemeinschaftung des Kapitals.“

Ich glaube, dass es viel besser wäre, wenn wir Kindern von Anfang an alle religiösen und philosophischen Ansichten gleichberechtigt und kindgerecht erklären würden, ohne sie einer bestimmten zuzuordnen. Ich glaube, dass allein das viele Probleme lösen würde.
Ich glaube, dass es ziemlich gefährlich ist, kleinen Kindern von Geburt an eine Schöpfungslehre beizubringen, die den Mann als höchstes Lebewesen, die Frau als seine Gehilfin und beide als Krone der Schöpfung darstellt. Und die Entstehung des Universums in 7 Tagen. Und ihnen erst in der Mittelstufe zu erzählen, was wir tatsächlich über unser unfassbares Universum wissen.

Ich glaube, dass es eine viel bessere Idee wäre, Kindern von Anfang an die Evolutionslehre zu beizubringen – dass alle (!) Lebewesen von gemeinsamen Vorfahren abstammen und dass Mensch und Bonobo enger verwandt sind als Bonobo und Gorilla. Und dass es Menschenrassen nicht gibt und wir alle ursprünglich mal schwarz waren. Und vor allem, warum wir das alles wissen und auch, was wir noch nicht wissen.
Ich glaube, dass es viel sinnvoller ist, Kindern beizubringen, „wie“ man denkt, anstatt „was“ sie denken sollen. Ich glaube, dass wenn Kinder ständig und immer wieder zum Hinterfragen, zum Ausprobieren und zum Nachdenken über Althergebrachtes animiert würden, anstatt ihnen Dogmen einzubläuen, wir in wenigen Jahrzehnten eine nicht wiederzuerkennende Welt hätten.

Ich glaube überhaupt, dass wir Kindern viel zu wenig skeptisches Denken beibringen. Warum habe ich in 13 Schuljahren nie etwas über den Aufbau eines logischen Arguments oder die logischen Fehlschlüsse gelernt? Und warum hat mich nie ein Lehrer ermutigt, das, was er gerade sagt, in Frage zu stellen?
Ich glaube, dass wir das Leben als höchstes Gut betrachten und Kinder in diesem Denken erziehen sollten. Nicht ein mögliches Leben in einer anderen Dimension, sondern dieses Leben. Nicht das eigene Leben, sondern jedes menschliche Leben. Und nicht aus dogmatischen, sondern aus humanistischen Gründen.

Ich glaube, dass es eines aufgeklärten Menschen unwürdig ist, sein Leben auf einem einzigen Buch aufzubauen. Vor allem, wenn dieses Buch aus einer Zeit stammt, als man so gut wie nichts über die Erde, das Leben und das menschliche Gehirn wusste. Ich glaube, dass man solche Bücher als historische Relikte betrachten kann – aber keinesfalls als Leitfaden für das Leben.

Ich glaube auch, dass es grausam ist, Kindern eine Arche Noah als Spielzeug zu schenken und ihnen die Geschichte zu erzählen, wie Gott einst alle Lebewesen auf der Erde ausrottete. Das ist ebenso schlimm wie ihnen Hoffnung auf den Himmel und Angst vor der Hölle zu machen, damit sie sich eltern- und gesellschaftskonform verhalten.

Ich glaube auch, dass es falsch ist, Kindern zu erklären, es gebe eine allgemeingültige Wahrheit und man habe den Schlüssel dazu (im Gegensatz zu allen anderen natürlich). Wieviel Leid würde uns erspart bleiben, wenn man das Konzept der allgemeingültigen Wahrheit aus den Köpfen der Menschen kriegen würde… Der einzige Weg dahin ist aber, aufzuhören, das Kindern beizubringen.

Ich glaube fest, dass es ein großer Fehler ist, einen Nomaden, der seinen Sohn aufgrund einer Stimme in seinem Kopf töten wollte, als Vorbild für ein gutes Leben und die vollkommene Hingabe anzusehen. Und ich glaube, dass es eine Form der psychischen Gewalt ist, kleinen Kindern diese Geschichte als wunderschönes Beispiel zu erzählen. Ich glaube, dass Abraham in unserer heutigen Zeit nicht Stammvater dreier Weltreligionen, sondern ein Fall für das Jugendamt und die Nervenheilanstalt gewesen wäre. Und ich glaube, dass das ein enormer Fortschritt ist.

Ich glaube, dass Menschen respektiert werden müssen. Ich glaube aber nicht, dass Gefühle oder Meinungen unter einem besonderen Schutz stehen. Jeder hat das Recht, an fliegende Pferde, sprechende Esel und jungfräuliche Mütter zu glauben, genauso wie an Entführungen durch Ufos, Botschaften in Kornfeldern oder Monster in schottischen Seen. Jeder muss aber auch hinnehmen, das andere das für absurd halten.

Ich glaube letztlich, dass wir uns niemals mit dem Status Quo zufrieden geben sollten. Alles, was wir bisher erreicht haben, alle Freiheiten, alle Annehmlichkeiten, alle Rechte, konnte nur entstehen, weil Menschen Bekanntes über den Haufen geworfen, Bestehendes hinterfragt und sich nicht mit dem Status Quo zufrieden gegeben haben. Ich glaube, dass darin der Schlüssel zu einer besseren Welt liegt.

Was glaubst du?

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