»Neuland« am 16.10.2007 auf Phoenix

Dass die Antastbaren tatsächlich existieren, die Entwürdigten, Überflüssigen, von sozialer Anerkennung Ausgeschlossenen, vom Fortschritt Abgehängten, durch Solidarbeiträge
Gedemütigten, zeigt jetzt ein grandioser Dokumentarfilm aus dem strukturschwachen Beitrittsgebiet. Die Kamera schaut Becksteins Zuhörern in die müden Gesichter, verweilt vor leeren Kulturhäusern, schweift über tote Gleise und bebildert eine endgültig sich einnistende Resignation. Neuland von Daniel Kunle und Holger Lauinger gehört zum Ehrlichsten, was bisher über die Nachwendezeit gedreht wurde. Leider findet die Fernsehpremiere des privat produzierten Autorenfilms, der seit Monaten erfolgreich durch Ostdeutschlands unabhängige Kinos tourt, im Verborgenen statt, im RBB (11. Oktober) und auf Phoenix (16. Oktober). Er ist das Gegenprogramm zur lauthalsen Debatte über die Agenda 2010, zum Feilschen um eine mickrige Erhöhung oder halbherzige Verlängerung des Arbeitslosengeldes. Dass damit niemandem geholfen ist außer einigen Politikern, die sich noch immer vorm Benennen des
eigentlichen Problems, der Arbeitslosigkeit, drücken, das wissen die Überflüssigen in Jüterbog, Weißenfels, Wüstenbrand genau. Sie erkennen nämlich die Rhetorik des sozialistischen Zweckoptimismus in den Reden ihrer demokratisch gewählten Vertreter wieder, die neualten Krisensymptome: Kritikunfähigkeit, Diffamierung der Kritiker, Leugnung der Ursachen. Daran ermisst der gelernte DDR-Bürger die gesellschaftliche Misere, danach beurteilt der überflüssige Neubundesbürger die Gefahr für sein Land. Der Ostdeutsche ist ja weniger als der Westdeutsche geneigt, politische Lügen zu tolerieren, weil er die falschen Töne noch im Ohr hat. Sie klingen für ihn wie schrille Untergangsmusik aus Zeiten der Diktatur. »Ich liebe doch alle«, sagte Stasichef Erich Mielke.
[Die Zeit, Nr. 42 11. Oktober 2007]

Nachtrag: Tja, neu leider weiß die Phönix-Programmübersicht nix von diesem Sendetermin. Schade.

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